Leben in Varna, Architektur in Bulgarien, das Leben der Deutschen
Die Geschichte Bulgariens war durch die Jahrtausende wechselhaft. Dadruch haben sich in der Architektur Bulgariens vor allen beim Bau von Kirchen und Klöstern, in den früheren Jahrhunderten die Einflüsse von Byzanz und aus der Islamischen Welt verewigt.
Etwas einzigartiges aber ist die Architektur aus der Zeit der nationalen Wiedergeburt. Die Vielfalt der Kultur- und Architekturgeschichte im Einzelnen spiegelt das gesamte Bulgarien. Griechischen Ursprungs sind viele Orte der Schwarzmeerküste wie Nessebar oder Varna (vormals Odessa, später Stalin), römischen Ursprung hat neben Sofia (Serdica) auch die drittgrösste bulgarische Stadt Plovdiv (Trimontium). Im Rosental südlich des Namen gebenden Balkan, den die Bulgaren schlicht „Stara Planina“ (altes Gebirge) nennen, kann man zahlreiche thrakische Grabmäler bestaunen. Das wichtigste, das Grab bei Kazanlak, wurde von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet.Während der osmanischen Herrschaft veränderte sich das Erscheinungsbild der bulgarischen Städte weseentlich: Viele der damals errichteten Moscheen, Minarette und Kuppeln fielen entweder der Wut der Bulgaren nach ihrer wiedererlangten Freiheit oder stadtplanerischen Aktivitäten Anfang des 20. Jhs. zum Opfer. Dass die trakische Kultur heute noch präsent ist, zeigen nicht nur die starke türkische Minderheit (10 % der Bevölkerung) und die seit der Wende 1989 ständig in der Regierung vertretene „Partei für Rechte und Freiheit“, sondern auch viele erhaltene Moscheen. Eindrucksvolle Beispiele sind die Banja-Baschi-Moschee in Sofia (1576) oder die Tombul-Moschee in Schumen (1744). Letztere wurde als grösstes muslimisches Gotteshaus in Bulgarien in türkischem Barock errichtet. Der unbekannte bulgarische Baumeister musste dafür „christliches“ Baumaterial von den Ruinen der ehemaligen Hauptstädte Pliska und Preslav verwenden. Vom berühmtesten Moscheen-Architekten, Mimar Sinan (1489-1578/88), der auch die Sofioter Banja-Baschi-dschamija erbaute, ist allerdings nicht klar, ob er Bulgare oder Türke war. Insgesamt gehen 81 Moscheen, 33 Paläste und zahlreiche Bäder, Bibliotheken und Grabstätten auf sein Konto.Wasrashdane, die bulgarische Wiedergeburt. Die Schwächung des osmanischen Reichs, seit dem Ausscheiden Griechenlands 1830, führte zum Erwachen des bulgarischen Nationalgeistes. Beeinflusst von den Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution begannen die Bulgaren sich ihrer nationalen Identität zu besinnen. Das Aufblühen von Handel, Kunst und Literatur ging ab Mitte des 19. Jh. mit einer verstärkten Bautätigkeit einher. Die ganze Epoche bis zur Befreiung 1878 wird als „Wiedergeburtszeit“ (wasrashdane) bezeichnet. Es kommt dabei zu Veränderungen in der Wohnhausarchitektur, die Häuser, als deren Vorläufer die soliden Wohnbauten in Arbanassi gesehen werden können, werden grösser und erhalten abwechslungsreich gestaltete Fassaden und reiche Innenausstattung (Wandschränke, bemalte Wandnischen, holzgeschnitzte Türen, Säulen und Zimmerdecken). Alles ist breiter angelegt, hell und sonnig. Auch die vielfach errichteten Uhrtürme kennzeichnen selbstbewusstes Bürgertum und eine neue bulgarische Öffentlichkeit.Im Lauf der Zeit entstehen ganze Ensembles von Wiedergeburtshäusern in Veliko Tarnovo, Etara, Koprivschtiza, Melnik oder Nessebar. Verschiedene Haustypen entwickeln sich, wobei das Plovdiver Wohnhaus als das prächtigste Bürgerhaus und Inbegriff des Wiedergeburtshauses überhaupt gilt. Bekanntester Architekt dieser Periode ist Nikola Fitschew (1800-1881), der im Volksmund Koljo Fitscheto genannt wurde. Neben dem Wohnhausbau widmete man sich zur Zeit der nationalen Wiedergeburt aber auch der Renovierung und dem Neubau von Klöstern, die während der osmanischen Besetzung zum Überleben der nationalen Kunst und Kultur beitrugen. Bereits im 10. Jh. entstand mit dem Rila-Kloster südlich von Sofia eine der grössten Sehenswürdigkeiten Bulgariens. Heute ist es mit bis zu 5000 Besuchern täglich, v.a. in den Sommermonaten, hoffnungslos überlaufen. Sofia, nach Erlangung der Unabhängigkeit 1878 wurde die rege Bautätigkeit fortgesetzt – nun standen Prestigebauten im Zentrum des Interesses und Sofia versuchte, den Metropolen Prag, Budapest und Wien nachzueifern. Die enge Beziehung zwischen Bulgarien und Österreich-Ungarn beruhte nicht zuletzt auf einem 1862 geschlossenen Handelsvertrag zwischen der Monarchie und dem osmanischen Reich, weshalb sich viele Händler in Wien aufhielten. Dazu kam die Donau als günstiger Verkehrsweg und es nimmt angesichts der kulturellen Hochblüte Wiens nicht Wunder, dass wohlhabende Bulgaren ihre Ausbildung in Wien erhielten. Diese Vorbildwirkung führte dazu, dass Bauaufträge an Architekten der Donaumonarchie vergeben wurden, die bereits in anderen Städten Theater- und Botschaftsgebäude, Schlösser und öffentliche Bauten errichtet hatten. Umgekehrt beeinflusste die österreichische Baukunstlehre auch bulgarische Architekten, die ihre Ausbildung in Wien, Prag oder Budapest, München, Berlin oder Paris erhielten, wie Jordan Milanov, Georgi Fingov, Nikola Jurukov oder Petko Momtschilov.Das Stadtbild der noch jungen Hauptstadt Sofia (seit 1879) prägten v.a. Grünanger, Kolor und Rumpelmayer deutlich mit. Der Wiener Architekt Friedrich Grünanger (1856-1929) lebte 30 Jahre in Bulgarien und erbaute nicht nur die Geistliche Akademie und das Priesterseminar, sondern auch die Sofioter Synagoge. Der 1905 begonnene und 1909 eingeweihte historistische Bau kann für sich verbuchen, die grösste Synagoge der Balkan-Halbinsel zu sein. Heute ist die jüdische Gemeinde in Sofia auf ein paar Hand voll Gläubige geschrumpft.Gemeinsam mit Viktor Rumpelmayer baute Grünanger nach der Befreiung auch den türkischen Konak zum Zarenschloss um, wobei das Gebäude vergrössert wurde. Nun beherbergt der unauffällige Neobarockbau die Nationale Kunstgalerie, das Nationale Ethnografische Museum und einen Souvenirshop, in dem man sich mit Rosenöl und bemalten Keramiktöpfen eindecken kann.Im Unterschied zum ehemaligen Zarenpalast ist der geschaffene Zentrale Militärclub wesentlich schmuckvoller ausgefallen. 1907 in Neorenaissance-Stil errichtet, wirkt das Gebäude mehr wie ein Wiener Prunkpalais denn wie ein Militärclub. Das mag sich auch die österreichische Botschaft gedacht haben, die seit 1996 im grossen Saal die 1880 eingeführte Tradition des „Wiener Balls“ wieder fortsetzt. In der Sozialistischen Epoche dann wurdem dem Land zahlreiche Gebäude der Stalinistischen und der Breschnew-Aera "vererbt", die auch heute noch das Bild der Städte prägen, vorallem im Wohnhausbau. Die Plattenbauten mit ihrem zweifelhaften Charme markieren auch Bulgarien als einen Mitglied des ehemaligen Ostblocks das mit den sozialistischen Errungeschaften beglückt wurde. Diese Bauten, werden zunehmend zum sozialpolitischen Problem. Eigentümer der Apartments sind meist Bulgarische Familien die jedoch keinen Beitrag aufbringen können um die hässlichen und teilweise baufälligen Kollosse zu sanieren bzw. zu renovieren.
Die Neuzeit hat z.T. auch schreckliche Gebäude und architektonische Hässlichkeiten erbracht. In den 90er Jahren wurden in den Städten von Geschäftemachern ohne Baukompetenz Stadt- und Apartmenthäuser gebaut, die bereits nach 10 Jahren einen tristen und baufälligen Eindruck hinterlassen. Neuerdings bildet sich in den Städten nun langsam eine Baukultur heraus die sich mit Mittel- und Südeuropäischen Ländern durchaus messen kann. Villen, Häuser, Apartmentanlagen in modernen Stilrichtungen geben allmählich Orten wie Varna ein neues, schönes Gesicht zurück.

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